Hallo zusammen,
ich muss schon sagen was ich hier so lese ist schon ziemlich interessant. Es ist doch sehr hilfreich, dass man nicht als einzige Mutter mit derartigen Problemen zu kämpfen hat.
Zuerst aber zu unserem Leidensweg (Achtung das wird lang):
1. Klasse: unser Sohn (heute 9) bekam schon früh von der damaligen Lehrerin den Stempel ADS/ADHS (sie hat es tatsächlich ins Zeugnis geschrieben: Verdacht auf ADS/ADHS wurde Eltern mitgeteilt). Sie sagte sie wüsste wovon sie spricht, denn ihr Sohn hatte (!) das auch. Wir rannten zum Kinderarzt, der nichts feststellen konnte, zudem meinte er das Kind ist zu jung eingeschult worden und manche Lehrer stempeln grundsätzlich jedes Kind mit dem sie nicht klarkommen mit ADS/ADHS ab. Weil ich aber so hartnäckig blieb verschrieb er uns 30 Stunden Ergotherapie, wo unser Junior sich auch super anstellte. Kurz vor Ende der 1. Klasse wollten wir ein Gespräch mit der Lehrerin um zu hören ob sich was getan hatte. Sie sagte zu, verschob aber Minuten vorher den Termin auf 2 Stunden später, so dass nur noch mein gutmütiger Göttergatte hinkonnte weil ich ins Geschäft musste. Ich wollte einen anderen Termin vereinbaren, aber sie winkte ab, es sei doch nur eine Vorschau auf das kommende Jahr. Bei dem Gespräch war auch die künftige Lehrerin meines Sohnes anwesend. Und dann kam es ganz dicke: Die Klassenlehrerin lies kein Haar an unserem Sohn, er sei aggressiv, es mangle ihm an sozialer Kompetenz, er kommt im Unterricht nicht mit und lenkt alle anderen ab usw...
Ich war außer mir die Lehrerin der 2. Klasse hatte ein vorgefertigtes Urteil über meinen Sohn, und ich konnte nichts dagegen unternehmen.
2. Klasse: Es ging alles mit dem Elternabend los, bei dem der Konrektor meinte er müsse das Problem meines Sohnes zum Schulproblem erklären und es mitten im Elternabend ansprechen. Gerechterweise muss ich zugeben, dass er nicht nur meinen Sohn erwähnte sondern auch 2 andere, aber das Kind war schon in den Brunnen gefallen. Manche Eltern schienen nur darauf zu warten, so etwas zu hören und verboten ihren Kindern mit meinem Sohn zu spielen oder gar mit ihm zu reden. Es wurde hart, da er fortan kaum noch Spielkameraden fand, deshalb fing er an die anderen zu ärgern. Manch einer würde sagen ein typisches ADS/ADHS Bild, im Nachhinein muss ich aber einräumen, wer würde nicht zum Spielverderber werden, wenn ein anderes Kind im sagt: "meine Mama sagt ich soll nicht mit dir spielen du bist nämlich plemplem". Hinzu kam dass in der 2. Klasse dieses so genannte Klassenmischsystem als Pilotprojekt gestartet wurde und nun die Klasse zur Hälfte aus Erst- und zur anderen Hälfte aus Zweitklässlern bestand. Die Lehrerin war (laut Aussage von mindestens 18 anderen Eltern) heillos überfordert. Sie pickte sich die besten raus, arbeitete mit denen, und überließ den Rest der Klasse sich selbst. Ich wurde panisch, weil die Situation auch zu hause anfing zu eskalieren. Ich rannte zum Jugendamt und nach ein paar Gesprächen dort, wurde uns eine Familientherapie genehmigt. Wir bekamen nun 1x wöchentlich Besuch von 2 Therapeuten, die uns helfen sollten, die Situation zu hause in den Griff zu bekommen. Ich will es nicht länger machen als nötig: Bei etwa 80% der von uns angesprochenen Dinge wo wir glaubten als Eltern zu versagen, stellte sich heraus, dass wir es genau richtig machen. Manche Kinder brauchten mehr Strenge, manche Dinge sind nun mal nicht verhandelbar, etc- Die restlichen 20% bewegten sich im Raum, finden sie wieder positive Zeit mit dem Kind, lassen sie das negative aus der Schule nicht übergreifen (leichter gesagt als getan), unternehmen sie mehr mit dem Kind, damit es sich geborgen und geliebt fühlt. Gegen Ende des 2. Schuljahres ging ich erneut auf die Lehrerin zu und suchte das Gespräch. (Welch ein Glück) Es stellte sich heraus, dass sie doch tatsächlich die Empfehlung für die Sonderschule ins Zeugnis schreiben wollte, weil die normale Schule nicht der richtige Weg für unseren Sohn sei. Ich war geschockt und stinkwütend. Ich erzählte den Familientherapeuten davon und wie sehr es mich ärgerte, doch die empfahlen mir die Flucht nach vorn. "Lassen sie einen Test machen, wenn er negativ ausfällt, haben sie was schwarz auf weiß um es der Lehrerin vor die Nase zu halten, wenn nicht..." Wir ließen den Test machen. Ergebnis: Leistungen überdurchschnittlich, keine Anhaltspunkte für soziale oder sonstige Inkompetenz! Der Lehrerin war die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Sogar der Fachmann der den Test durchführte merkte es und meinte zu ihr "es tut ihm Leid"

3. Klasse: Die Lehrerin schien recht aufgeschlossen, versuchte ihr Bestes, was jedoch ziemlich schwierig war. In der Klasse gab es mindestens noch 4 weitere Problemkinder, und es stellte sich heraus dass die Klasse mindestens ein halbes Jahr mit dem Stoff zurückliegt. Mittlerweile hatten wir eine Kinderpsychologin konsultiert, da die Familientherapie beendet wurde. Nach einem Jahr konnten sie nichts mehr für uns tun, denn zu hause gab es keine Probleme, nur in der Schule, weshalb sie uns auch empfahlen unseren Sohn mal checken zu lassen. Die Kinderpsychologin machte ein EEG, einen IQ Test, einen Verhaltenstest, einen Angsttest, verschiedenen Gespräche mit unserem Sohn, dann mit uns, dann mit uns 3 gleichzeitig. Ergebnis: EEG ohne Befund, IQ 123 überdurchschnittlich mit Tendenz zur Hochbegabung (die Psychologin war der Meinung dass er sich bei einigen Fragen dümmer stellte als er tatsächlich sei), Verhaltenstest unauffällig, Angsttest unauffällig. Aus den Gesprächen erschloss sie dass er sehr motiviert sei und einen Hang zum Perfektionismus hatte, was mitunter dazu führte dass er schnell frustriert war, wenn er etwas nicht gleich perfekt konnte. Alles in allem keinerlei Anzeichen für ADS/ADHS. Wir bekamen auch den berühmt berüchtigten Fragebogen für die Lehrerin mit, und ich verstehe warum hier so viele nichts davon halten. Die Lehrerin kannte offenbar den Bogen und wusste dass wenn sie ein paar Häkchen mehr in die Spalte 'sehr häufig' setzte das Kind als ADS/ADHSler gelten würde und evtl mit Medikamenten ruhig gestellt würde. Ich kann ihr noch nicht mal böse sein, sie hatte es nicht leicht. Eine Klasse die ein halbes Jahr hinterhinkte, 4 andere Problemschüler bei denen die Eltern gar nicht auf die Idee kamen nach Lösungen zu suchen und die Möglichkeit wenigstens 1 Problemkind außer Gefecht zu setzen.
Mit gemischten Gefühlen nahm ich das alles auf. Einerseits war ich erleichtert, mein Sohn hat doch kein ADS/ADHS, aber dann war ja immer noch die Schule. Seine Leistungen wurden immer schlechter. Inzwischen war er nicht nur bei den Schülern der Buhmann, nein sogar einige Lehrer fanden in ihm den perfekten Sündenbock. Das ging soweit, dass eine Lehrerin ihn beschuldigte während der Pause Kaugummis aus ihrer Tasche geklaut zu haben, die sie bei einer anderen Schülerin gefunden hatte. Und das nur auf die Behauptung eben dieser erwischten Schülerin. Während unser Sohn unter Tränen versicherte dass er die ganze Pause in einem anderen Stockwerk im Musikzimmer mit zwei Mädels für eine Aufführung probte, versammelte sich die halbe Schule um das Spektakel mitzukriegen. Die Lehrerin behauptete stur er sei es gewesen, denn jemand anderes käme da gar nicht in Frage. Erst als die zwei Mädels sich endlich zu Wort melden "durften" (die Lehrerin wollte vorher nichts von den Zeugen hören und beschuldigte unseren Sohn das alles erfunden zu haben, als Ausrede) ging die Lehrerin von dannen. Sie entschuldigte sich nicht. Unser Sohn blieb in der Mitte der Sporthalle stehen, umringt von der halben Schule die ihn alle so ansahen, als hätte er soeben einen Mord begangen (das war die Aussage einer Nachbarin, die zufällig dort war, mir das ganze aber erst ein halbes Jahr später erzählte).

Ich erfuhr von alledem erstmal gar nicht. Die Lehrerin hatte keinen Grund, es mir auf die Nase zu binden (welch ein Glück für sie, wahrscheinlich wäre nämlich sonst wirklich ein Mord passiert

). Mein Sohn erzählte es seiner Psychologin die mich dazu rief und ihn ermunterte mir das ganze zu erzählen. Als ich ihn fragte warum er das nicht früher tat, gestand er dass er Angst hatte, ich wäre doch eh auf deren Seite und hätte ihm nicht geglaubt. Keiner würde ihm glauben. Er sei immer schuld. Ich war am Boden zerstört, ich wollte meinem Sohn helfen, aber er hat die immer größer werdenden Zweifel in meinen Augen gesehen und konnte mir nicht mehr vertrauen. Ich war fertig mit der Welt. Ich fing an alles zu überdenken, und musste tatsächlich erkennen, dass ich manchmal dem Wort der anderen Kinder mehr Glauben schenkte als seinem. Unbewusst, aber dennoch. Das trieb ihn dazu, mir nichts mehr zu erzählen, Dinge zu verheimlichen, letzten endes sogar zu vertuschen und zu lügen... Ich hab ihn soweit gebracht, weil ich dem Druck aus der Schule nicht standhalten konnte...
4.Klasse: Wieder eine neue Lehrerin.
Wir gehen weiterhin zur Ergo, mittlerweile mit großartigem Erfolg, er schafft es sich über die Dauer einer Doppelstunde zu konzentrieren, schafft jede Aufgabe mit Bravur, ist hochmotiviert und zielstrebig.
Die Kinderpsychologin besuchen wir 1x monatlich. In der Sitzung spricht sie mit ihm über alles mögliche, aber vor allem schüttet er ihr sein Herz aus. Der Konrektor hat unseren Sohn angeblich in ein Schulprojekt gesteckt, dass ihm helfen sollte aus der Buhmannrolle zu entkommen. Bei einer der Sitzungen bei der Psychologin äußerte er sich wohl nicht so positiv über dieses Projekt, wollte aber sonst nichts dazu sagen. Die Psychologin fragte mich nur ich wusste erst recht nicht mehr (das Vertrauen meines Juniors kommt langsam wieder, aber nur langsam und sehr zaghaft). Als wir zu hause waren nahm ich mir den neuen HP zur Hand und köderte meinen Sohn mit einem Kapitel Zauberbuch, nachdem ich ihm vorgelesen hatte, strich ich ihm über die Haare und fing an mit ihm über die Schule zu sprechen und über das Projekt. Ich war entsetzt: Das Projekt bestand u.a. darin dass mein Sohn den Müll vom Schulhof sammeln, umgekippte Mülltonnen wieder aufstellen sollte und dergleichen mehr. Kein Wunder dass er auf den guten Konrektor nicht so gut zu sprechen war-

Als die nächste Stunde dieses "Projekts" anstand, ließ ich meinen Sohn zu hause. Siehe da, der gute Mann, ruft doch tatsächlich an, wo unser Junge bliebe. Ich sagte ihm, dass mein Sohn an diesem Projekt nicht mehr teilnehmen würde, zumal wir zu keinem Zeitpunkt gefragt wurden was wir davon halten, noch überhaupt informiert wurden, die Schule entschied wieder mal über unsere Köpfe hinweg. Er war aber der Meinung, unser Sohn müsste uns informieren, was ich entschieden ablehnte. Im übrigen hielt ich nichts von einem Projekt bei dem mein Sohn Müll aufsammeln und umgekippte Tonnen aufrichten müsse. Da kam auch schon der Oberhammer: "Aber ihm tut die körperliche Arbeit gut, er braucht das!!!"

Fällt euch dazu etwas ein???? Mittlerweile warten wir nur noch darauf dass das Schuljahr endet und er endlich die Schule wechselt, dass es nur die Hauptschule wird, ist mir egal. Wer weiß vielleicht hilft ihm der Neustart und er schafft im Nachhinein den Wechsel auf die Real... Zurzeit warten wir auch noch auf einen Termin bei der psychiatrischen Ambulanz um eine zweite Meinung einzuholen (auf Anraten der Kinderpsychologin) Ich möchte mir später auf keinen Fall vorhalten lassen dass ich etwas versäumt habe, weil ich irgendeine mögliche Therapiemaßnahme nicht wahrgenommen hab. Mein Sohn ist mein Ein und Alles, und er ist zu jung um durch diese Hölle zu gehen. Das war und ist nicht fair. Ich weiß das hört sich jetzt blöd- an aber: Seid froh ihr habt wenigstens eine Diagnose... Wir haben gar nichts, nur die Behauptungen der Schule dass unser Sohn gestört sei, die Gegenmeinung der Ärztin und Ergotherapeutin dass sein Verhalten den Umständen entsprechend "normal" sei, und einen Sohn der droht abzudriften weil er keinen Ausweg mehr findet.

Ich drücke allen die Daumen und wünsche denen die einen ähnlichen Leidensweg hinter sich haben dass es besser wird, und allen anderen dass sie von alledem weiterhin verschont bleiben. Alles Gute...
Grüßle, faluta