Liebe Rhea,
gestern abend hatte ich Besuch von einer Freundin und kam irgendwie auf deine Fall zu sprechen.Deren Mutter brach,als sie ungefähr in deinem Alter war,beim Spazierengehn ohne Fremdeinwirkung der große Zeh.Wurde ähnlich wie bei dir behandelt,eine ähnliche Leidensgeschichte,aber heute,gute zehn Jahre später,alles ok.Sie meinte,Oma etc. hatten das auch schon(erbliche Geschichte?) und ihre Mama müsse bis heute nach Möglichkeit jeden Tag Emmentaler essen...(alle medizinischen Experten hier im Forum bitte weglesen,ich geb das nur so wieder,wie ich es erzählt bekam).
Ich bin in der Familie von Medizinern umgeben und hör mich mal um.
Als ich von deinem Fall gelesen habe,dachte ich nur:es gibt Sachen,die gibt es doch gar nicht.Und das war bei meiner Hand das gleiche.Ich hatte mich beim Ausräumen des Geschirrspülers(also alles sauber)mit einem kleinen messer in den daumen gestochen,hat nicht mal geblutet-Bagatelle!
Nach ein paar Tagen pochen wie bei einer Nagelbettentzündung-gesehen hat man nichts,keine Rötung,Schwellung...Daraus wurde eine sog.phlegmonöse Entzündung,ambulant und einfach beim Chirurgen eröffnet.Nach drei Tagen die Hand bis in den Oberarm voller Eiter-ich hab die ersten 10 Tage auf kein Antibiotikum angesprochen(hatte eine sog.Hohlhandphlegmone),also höchst aggressive,resistente Keime,selbst Unikliniken wußten keinen Rat!
Mein sehr erfahrener,kompetenter,renommierter Handchirurg hatte sowas noch nie gesehen.Und daraus folgte eben meine Odysee aus Ops,Hautverpflanzungen8ich dachte damals,ich traue meinen Ohren nicht) etc.
Rhea,ich habe gelernt,mich auf mich zu besinnen.Ich war viele,viele Jahre immer nur für andere da,natürlich meine über alles geliebten Kinder,mein Mann und seine Karriere,für alle Freundinnen;Familienmitglieder etc.Ich war Elternbeirat überall und für alle da-nur für mich nicht.Und ich hatte Power und Energie,für die ich berüchtigt war.Und ich wollte es ALLEN recht machen.
Durch die Krankheit habe ich gelernt,mir muß es gut gehen,die Spreu vom Weizen zu trennen,andere machen zu lassen etc.Ich habe nach den schlimmen ersten Wochen im Krankenhaus und Entlassung nach Hause(Ich konnte mit rechts nichts machen,nichts) mir therapeutische Hilfe gesucht,endlich-ich wußte eigentlich schon Jahre lang,das wäre nötig,aber immer wieder kam der Punkt,wo ich dachte,ich kann das doch allein.In sämtlichen Abstrichen,Biopsien etc meiner Hand wurden nämlich keine Keime gefunden.Also gab es da eine sehrgroße Psychosomatik.
Heute delegiere ich,mein Bekanntenkreis hat sich verkleinert und ich kann nein und ich will nicht sagen.Es hat aber lange gedauert.Meine Therapeutin sagte mir mal,ich könne froh sein,nicht mit Krebs etc. bei ihr zu sitzen.
Mein Körper habe eben gesagt:wie kann ich diese überaktive,ruhelose Frau ruhigstellen?Ging eben über die rechte Hand(kein Autofahren,schluchz-nur zur besseren Vorstellung-ich bin nicht berufstätig,aber bis dahin imJahr 30.000km gefahren-fast alles Kurzstrecke).
Mein Mann war auch sehr hilflos,das ganze begann nämlich,nachdem er einige Monate weg war und ich in der zeit auch wieder sehr viel abgenommen hatte.Er war ca. vier Monate unter sehr viel persönlichem Streß im Ausland,kam in dem Jahr an Weihnachten nach Hause,und eine Woche später begann meine Krankengeschichte.Als habe mein Körper nur abgewartet,bis er loslassen könne.
Das ist viel zu verdauuen,Rhea,und für mich auch sehr persönlich.Aber ich hab Vertrauen,dass ich dir damit helfen kann.
Als ich aus dem KHS entlassen wurde,war bei und hier in unserem urbayrischen Dorf der Teufel los-es gingendie schrecklichsten gerüchte-mich hätte eine Katze gebissen oder ein Pizzaofen verbrannt...Die Hand war durch die Transplantationen sehr entstellt-heute nicht mehr-und das war ein übriges.Nochdazu sind wir hier bekannt wie ein bunter Hund-Pilot und Stewardess,und ich bin auch noch halb Amerikanerin und keine Bayerin,sondern Preußin!!!!Aber heute lach ich da drüber.
Schon wieder soviel geschrieben,als hätte ich was aufzuholen.Mary