Hallo fl0wsgirL und Rocher82,
ihr Armen habt es ja richtig schwer. Ich hatte bisher Glück mit dem Heißhunger, aber ich bin auch nicht mit einem Zuckerproblem gestartet. Was mir bei euren Beschreibungen aufgefallen ist, ist, daß ihr euch beide ziemliche Selbstvorwürfe zu machen scheint wenn die Ausrutscher passieren, und daß es dadurch schlimmer wird, weil ihr euch noch zusätzlichen Psychodruck macht.
Es klingt vielleicht doof, aber vielleicht steht am Anfang des Ganzen erstmal die Notwendigkeit zu akzeptieren, daß diese Ausrutscher ok sind. Und daß ihr keine schwächeren oder schlechteren Menschen seid, wenn die Griffe zu Schokolade oder Kuchen passieren. Ihr lauft beide im Moment mit so einem unglaublichen Druck rum:
Ich MUSS jetzt aber »gut« sein, weil ich die ganze Zeit »schlecht« war. NIE schaffe ich es durchzuhalten. Die kommende Mahlzeit macht mich bestimmt WIEDER nicht satt, ich werde IMMER Heißhunger kriegen. Ich bin zu schwach der Schokolade zu widerstehen und halte SOWIESO nicht durch, bin eine Raupe Nimmersatt…etc.
Das sabotiert alle zukünftigen Bemühungen. Dabei ist es doch so klasse, daß ihr überhaupt angefangen habt, euch hingestellt habt und gesagt: ich will was ändern. Und dann losgegangen seid und einen Berater gesucht, die anfänglichen Verwirrungen darüber, wie man mit dem Plan umgeht durchgestanden habt, wo man seine Lebensmittel herkriegt und wie man alles in den Tagesablauf einbindet – daß ihr das alles schon angepackt habt. Ihr habt schon so viel geschafft, seid stolz auf euch!
Vielleicht könnt ihr ja mal versuchen, jeden einzelnen Ausrutscher zu akzeptieren und dann hinter euch zu lassen, so daß die kommende Zeit nicht immer im Vergleich steht: ich bin jetzt schon soundwovielmal schwach geworden, da komm ich eh nicht raus. Sondern euch selber für die Zukunft immer ein weißes Blatt Papier zu gönnen, auf dem ihr eure Geschichte wieder neu weiterschreiben könnt und wo nicht jeder Erfolg in Relation zu 99 Mißerfolgen gesehen wird.
Ein Ausrutscher passiert, und dann ist er vorbei. Nach vorne schauen statt nach hinten.
Durch MB werden auch viele psychische Angelegenheiten losgeschüttelt, und gerade Menschen mit Gewichtsproblemen (egal in welchem Ausmaß, und ob von der Umwelt in gleichem Maße wahrgenommen wie vom betroffenen Mensch selber, also auch wenn es nur wenige Kilos sind) haben ein ungeheures Training darin, sich selbst nieder zu machen, weil Übergewicht so gerne mit Schwäche gleichgesetzt wird. Dieses Denken will erstmal wieder wegtrainiert sein.
Ich habe zufällig gerade viel über Messies gelesen, und daß die schlimmen Zustände, in die sie geraten, paradoxerweise häufig dadurch mitausgelöst werden, daß sie eigentlich Perfektionisten sind. Daß es nicht reicht, z.B. Papiere irgendwie weggeräumt zu haben, sondern daß erstmal ein perfektes Sortierungssystem gefunden werden muß und dann alles danach eingeräumt werden müßte, was nicht gelingen kann, weil es mit allen anderen wegzuräumenden Sachen genauso ist (das ist jetzt ganz arg zusammengerafft, natürlich noch viel komplizierter). Jedenfalls habe ich den Eindruck, daß da viele Parallelen bestehen zu Übergewicht, aber auch anderen Lebensbereichen. Daß der Anspruch, perfekt zu sein, und zwar sofort, einen davon abhält, sich ein Erreichen eines Ziels in kleinen unvollkommenen Schritten zu gestatten. Und zwar auch in dem Tempo, das für einen selber richtig ist. Nicht in dem, von dem man denkt, man sollte es haben.
Wenn die Abnahme länger dauert: was soll's? Erlaubt euch den Weg. »Schwach« werden ist in Ordnung. Damit meine ich nicht, immer die Zügel schießen zu lassen wann immer einem danach ist. Aber nicht das vergangene Schwachwerden als Maßstab dafür zu nehmen, ob man beim nächsten mal widerstehen kann. Natürlich geht es auch um Selbstüberwindung, aber es wird leichter wenn man sich nur für diesen Moment selbst überwinden muß, nicht für die vergangenen Male mit.
Ich habe selbst viel mit Perfektionismus zu kämpfen, was mein Leben allerdings in anderen Bereichen mehr betrifft als beim Gewicht (mein Übergewicht hat organische Ursachen und ist deswegen nicht so sehr bzw. auf andere Weise psychologisch behaftet als bei vielen anderen Mitabnehmern). Mir das Unvollkommen-sein zu erlauben ist was, worum ich mich auch immer wieder neu bemühen muß, um weiterkommen zu können.
Ich hoffe, ich habe aus euren Posts nicht zuviel rausgelesen. Wenn ihr den Eindruck habt, ich habe an euch vorbeigeschrieben, könnt ihr das auch gerne sagen. Aber ich glaube wirklich, daß der Schlüssel zum Weiterkommen im Betonen der Erfolge und nicht der Mißerfolge liegt und daß jeder, der überhaupt einen ernsthaften Anfang macht schon einen riesen Schulterklopfer verdient sowie sowie die Auszeichnung am Gummibärchenband mit Schokostempel.
Mein Posting ist zwar schon lang, aber noch was zum rein körperlichen: diese Hungergefühle direkt nach dem Essen und der Heißhunger klingen danach, als ob was falsch läuft und aus irgendeinem Grund der Insulinspiegel zu schnell steigt und dann rapide sinkt. Fangt ihr mit dem Bissen Protein an? Der ist ein wichtiges Signal, damit der Körper merkt er kriegt hochwertige und langsam zu verarbeitende Nahrung, und dann den Insulinspiegel gemächlich steigert. MB ist nämlich so angelegt, daß solche Hochs und Tiefs im Blutzuckerspiegel nicht vorkommen sollen.
Es ist aber auch ganz wichtig, sich wirklich an den Plan zu halten. Das Rumgedoktere z.B. mit Milch in den Kaffee oder mit den Bananen ist ganz schlecht, weil es die Regulierung des Metabolismus, die MB eigentlich bringen soll, völlig sabotiert. Bananen haben eine hohe Energiedichte, was zwar für den Sport vielleicht ganz nett ist, aber ein Zuckertief später geradezu herausfordert. Und die Milch ist ein weiteres Protein, das der Körper dann zusätzlich zum Hauptprotein verarbeiten muß. Und vor allem: keine Abführmittel!!! So macht man alles kaputt, weil es den Körper an seiner normalen Arbeit hindert.
MB funktioniert nicht, wenn man die ganze Zeit mit Eigenkonstruktionen im System rumpfuscht. Habt ihr schon mal eure Berater gefragt, was sie zu den seit MB-Beginn neuen Heißhungerattacken sagen?
Wenn ihr hier die Suchfunktion bemüht, taucht das mit dem Hunger sehr oft auf, schaut ruhig mal. Die Ratschläge wiederholen sich, wichtig ist u.a.: Nur was auf dem Plan steht, in den Mengen, die dort stehen. Obst zum Ende der Mahlzeit wie auch das Brot, etc. etc. Und nach Fehltritten nicht versuchen, sie mit Experimenten wie Abführmitteln, Öl-weglassen oder ähnlichem auszugleichen, das macht es nur schlimmer.
Nach so viel Zeit mit »halbem«, also nicht durchgehend wirklich befolgtem Plan, wäre es vielleicht am besten, nochmal mit den Entlastungstagen anzufangen. Dann hat der Körper die Chance, die Reste loszuwerden, die jetzt in eurem System rumschwirren und die Hungerattacken mitverursachen. Und vom Kopf her ist ein neuer Anfang auch ein Signal.
So, das war jetzt echt lang…
Ich wünsche euch jedenfalls alles Gute, und bin überzeugt, daß ihr auch schaffen könnt was ihr euch vorgenommen habt.
Beste Grüße
Tabasco